Die Füchse fliegen!
Tollkühne Füchse und fliegende Kisten (eine wahre Geschichte)
Es gibt Dinge, die sollte man besser ausprobieren bevor man sie am lebenden Menschen testet. Pillen zum Beispiel, oder Flugzeuge. Wenigstens sollten sich Leute damit beschäftigen, die so was schon mal gemacht haben. Die Teilnahme der Leutzscher Füchse am Flugtag der Stadtwerke aber kannte kein Vorspiel. Mit dem Erfahrungsschatz Null und angelockt von zwei Kästen "Garley" - Pils stellte sich eine Handvoll Wagemutige in Gunter Mittmanns lauschigem Tüftelgarten vor den Toren der Stadt einer verrückten Aufgabe: dem Bau eines Flugbootes. Viel mehr als ein tief verwurzeltes Vertrauen in Gunters Geschick und sein technisches Verständnis von Flugmodellen war nicht einzubringen.
Die Vorlage bildete ein Werbeheft für Briefmarkensammler. Eine Sondermarke würdigte die erste Atlantiküberquerung des damals größten Passagierflugzeuges DO X vor 75 Jahren, die mit einer Wasserlandung auf dem Müggelsee grandios endete. Wir bauen also ein Flugschiff, alles klar.
Aber wer setzt sich rein? Die ersten Freiwilligen wurden vom Chefkonstrukteur für zu schwer befunden. Ausgesuchte "Federfüchse" machten sich hingegen klein, unsichtbar oder waren plötzlich schwerhörig. Spätestens als davon die Sprache war, dass man aus einer Höhe von 6 Metern in den Lindenauer Hafen geschupst werden soll. Egal bei welchem Wetter. Ohne Test. In einer Holzkiste. Sitzend. Unter Verzicht auf jegliche Schadenersatzforderungen. Einziger Trost: Rettungstaucher fischen einen wieder raus. Das schützt vor Ertrinken, hilft aber weniger nach Zerschellen. Und was ist wenn "dat Dingens" tatsächlich fliegt? Gunter winkt ab: "Geht nicht, das Teil fällt wie ein Stein..." Aha. Also wer macht’s? Ertrinken unwahrscheinlich. Wird schon gut gehen.
Sportwart Steffen Gassmann legte bei allen Personalien sein Veto ein, die für die sportlichen Saisonziele unentbehrlich sind. Wo ist sein Gottvertrauen? Mieten wir uns einen Wasserspringer, Sprengtaucher oder fragen wir mal aus alter Verbundenheit unseren Oberindianer Gojko Mitic? Welcher Fuchs hat ihn, den Mut aller Müte. Bungee, freier Fall und Birgenair, alles was für Warmduscher.
Mit der selbstgeschnitzten DO X als Testpilot in die Lindenauer Hafenplürre klatschen, in echt und nicht am Computer, das verdient den ultimativen Ritterschlag. Wenn man’s überlebt...
Und Einer fasste sich sein Eisenherz, Nils Michael, für den die Kleinmesse oder die Belantis - Pyramide langweiliger Kinderkram sind. Nils ist unser Held, ein wahrer Fürchtenix. Mit einer Entschlossenheit, als gäbe es sowieso kein Morgen, verschmolz er mit der Bruchpilotenkapsel.
Thematisch angekündigt von einer Karate-Show-Riege, schloss er den maroden Lederriemen einer alten Kaskoerbse aus den frühen Sechzigern unter seinem jugendlichen Heldenhaupt. Das sensationslüsterne Publikum brodelt. Nils greift zum Mikrofon: "Warum seit Ihr alle da?" - "Wegen Dir." dankt die Füchseschar. "Wer gewinnt?" "Wir", wer sonst? Klare Ansage an die Jury. Der Moderator zählt auf Null, die Schieber Gunter Mittmann und Benny Bauer beschleunigen die DO X, Nils trötet in die Trillerpfeife seiner Rettungsweste und ab geht die Post. Schwache Gemüter schauen lieber weg. Der Atem stockt, die Schieber taumeln am Rampenrand und unser Nils fliegt.

